¬ Lyónn Wolf
Für die Berliner Ausgabe neuinterpretiert Wolf die ehemaligen Ballymun Towers in Dublin – ein abgerissenes modernistisches Sozialwohnungsbauprojekt – als Orte der Widerständigkeit einer queeren Arbeiter*innenklasse. Indem Wolf imaginäre Utopien sowie historische queere Persönlichkeiten wie die modernistische Designerin und Architektin Eileen Gray mit dem Archiv der Gemeindebücherei Ballymuns verbindet, beleuchtet das Projekt verborgene Geschichten und Erzählungen über Aktivismus, Solidarität und Nachbarschaftsallianzen, die durch Stadtentwicklung und strukturellen Klassismus ausgelöscht wurden. Wolf sondiert diese verlorenen und spekulativen Erzählungen und entwirft so die Vision einer queeren Utopie, die im Alltagsleben verwurzelt ist. Durch eine neue Soundarbeit mit den Performer*innen Pêdra Costa, Transboy Dom und Line Skywalker Karlström – koproduziert von Gossip Gossip Gossip und Scriptings – schafft Wolf einen Raum, in dem diese unverwirklichten, verborgenen und vergessenen Geschichten reaktiviert werden: ein Ort, an dem sich queere und Trans-Identitäten, wie auch das Erbe der Arbeiter*innenklasse frei entfalten können.
Wolfs künstlerische Praxis begründet sich im Beharren auf die transformativen Kraft von Solidarität, Freundschaft und kollektiver Arbeit. Wolfs dekoloniale, queere, transfeministische und aus der Arbeiter*innenklasse stammende Perspektive schlägt ein dringendes (kollektives) Überdenken von Normativität vor und zelebriert die vielen wichtigen Geschichten und Blickwinkel an den Rändern unserer Gesellschaft, die allzu oft zum Schweigen gebracht werden. „Domestic Optimism III - A Lesbian Squat Isn't Just for Pornos“ verordnet das stigmatisierte Bild der Ballymun Flats neu und ermöglicht dabei kritische und zugleich freudige Spekulationen. Dabei wird eine Zukunft imaginiert, in der das Erbe der Arbeiter*innenklasse, wie auch queere Gemeinschaft vis-à-vis eines aggressiven Kapitalismus gefeiert werden. Wolf stellt Verbindungen zwischen der Hochhausarchitektur Ballymuns, Le Corbusiers Cité Radieuse (Strahlende Stadt) und Eileen Grays modernistischen Entwürfen her und fordert diese Ästhetik so für die chaotische, reiche Vision einer immer schon fehlerhaften Utopie ein. Letztlich stellt Wolf die Frage: Wie könnte das architektonische Erbe der Arbeiter*innenklasse aussehen, wenn man es durch die Linse von queerem Widerstand und kollektivem Optimismus betrachtet?
Lyónn Wolf ist ein*e aus der Arbeiterklasse stammende transgender bildende*r Künstler*in, Pädagog*in und Autor*in, deren Arbeiten bewusst von wirtschaftlichen Notwendigkeiten geprägt sind. Sie beschäftigen sich mit Formen des Recyclings, der Sparsamkeit und der Vergänglichkeit, was zu sanfter Modularität, wilder Archivierung und performativer Intervention führt und Fragen zu Wert, Akkumulation und Urheberschaft aufwirft. Lyónn sieht eine kulturelle Zentrierung der Sparsamkeit als Teil einer Tradition der queeren Umgangssprache und Ethik der Arbeiterklasse, die promiskuitiv und geschickt darin ist, innerhalb von Grenzen zu arbeiten. Ihre pädagogische und publizistische Arbeit postuliert die Vorstellungskraft als politisches Instrument mit radikalem Potenzial, das jederzeit und überall existieren und ausbrechen kann.
Lyónn hat seit 2014 eine Werktrilogie entwickelt, die sich mit queeren Ökonomien und Raumpolitik beschäftigt. The Re-appropriation of Sensuality (Die Wiederaneignung von Sinnlichkeit), Sex in Public (Sex in der Öffentlichkeit), and Domestic Optimism (Häuslicher Optimismus) wurden in verschiedenen Iterationen ausgestellt: im Project Arts Centre Dublin, im Grazer Kunstverein, im Steirischen Herbst Festival Graz, in der NCAD Gallery Dublin, in Dundee Contemporary Arts, District Berlin, Den Frie Unter anderem im Centre Of Contemporary Art Copenhagen, nGbK Berlin, Archive Kabinett Berlin, Survival Kit Festival Riga und De Appel Amsterdam.